Katrin Brüggemann Grafikdesignerin

Portrait_Katrin_BrueggemannLiebe Katrin, eine Grafikdesignerin zu finden, deren Arbeit einen beeindruckt und begeistert, ist in der heutigen Welt nicht allzu schwierig – jedoch eine, die zu all dem auch noch über Hebräisch-Kenntnisse verfügt und sich mit dem hebräischen Alphabet beschäftigt hat, das ist schon eine ganz andere Sache. Umso glücklicher waren wir, als wir bei unserer Suche nach einer Gestaltung für unsere jüdischen Witze auf dich gestoßen sind.

Du hast Grafikdesign an der Hochschule Mainz studiert, dein besonderes Interesse gilt, wie du auf deiner Website schreibst, der Typografie und fremden Schriftsystemen. Wodurch wurde dein Interesse an Typografie geweckt, und was genau interessiert dich an Schrift?

In meiner Studienzeit habe ich mich zum großen Teil mit typografischen Arbeiten und visuellen Sprachen beschäftigt. Ich fing an, mir Schriften genauer anzuschauen, während ich die Arbeiten anderer Gestalter untersuchte. Im Studium habe ich dann auch sehr viel über die Grundlagen der Typografie gelernt. Außerdem über landestypische, visuelle Ausprägungen aus anderen Ländern wie der Schweiz und den Niederlanden.

Spätestens als ich ein halbes Jahr in einem Land mit einer mir unbekannten Schrift studierte, habe ich mich vollkommen in die Typografie verliebt. Ich setzte mich mit einer Fremdsprache und einem fernen Zeichensystem auseinander und erkannte die Schrift umso mehr auch als Ausdruck regionaler und kultureller Besonderheiten. Die Welt der Schrift(en) ist unfassbar vielfältig und faszinierend, erst recht wenn Sprache und Zeichen »anders« oder »fremd« sind.

1_ALEFBET__Katrin_Brueggemann_12012 bist du für ein Auslandssemester nach Israel gegangen und hast dort an der Bezalel Academy of Arts and Design studiert. Warum hast du dir Israel ausgesucht? Gab es schon vorher Berührungspunkte mit der hebräischen Sprache oder Schrift?

Nein, die hebräische Schrift und Grafikdesign aus Israel waren Neuland für mich. Ich hörte von dieser großen Kunst- und Designhochschule in Jerusalem und wurde neugierig. Meine Freunde fragten mich genau wie du, warum ich mir ausgerechnet Israel ausgesucht habe und ob es dort überhaupt Grafikdesign gebe. Vielen ist zeitgemäßes Grafikdesign aus Israel eher unbekannt, und das war es anfangs auch für mich. Im Nachhinein betrachtet kann ich sagen, das fremde Schriftsystem und die multilinguale Gestaltung haben mich von Beginn an gereizt.

Du hast dann deine Bachelor-Thesis über israelisches Grafikdesign geschrieben. Dafür hast du ausführliche Gespräche mit israelischen Gestaltern geführt. Was hat dich an diesem Thema gereizt? Nach welchen Gesichtspunkten hast du die Gesprächspartner ausgesucht, und was wolltest du mit deiner Arbeit erreichen?

Israel ist das einzige Land, in dem Hebräisch gesprochen und geschrieben wird, wodurch eine Art gestalterische Isolation von der Außenwelt entsteht. Mir stellte sich die Frage, wovon die israelischen Gestalter inspiriert und beeinflusst werden. Ich war schnell begeistert von der visuellen Welt dieses jungen Landes, dem Drive der Designer, der spannenden Typografie, und ich wollte mehr darüber erfahren. Zur Beantwortung meiner Fragen fehlte mir Fachliteratur über hebräisches Grafikdesign, und diese Lücke wollte ich mit meinem Buch schließen.

Die von mir befragten Gestalter stellen einen guten Überblick über die israelische Designszene dar. Es war anfangs ziemlich schwierig, sie ausfindig zu machen, denn die wenigen israelischen Design-Blogs waren alle auf Hebräisch. Im Prinzip habe ich alle Gestalter durch Empfehlungen von Freunden in Israel ausfindig gemacht.

12_ALEFBET_Katrin_Brueggemann_2Israelische Grafikdesigner stehen vor einer besonderen Situation, da sie es mit dem Hebräischen, Arabischen und Englischen nicht nur mit drei Sprachen, sondern auch mit drei unterschiedlichen Schriftsystemen zu tun haben. Wie wirkt sich dies auf ihre Arbeit aus, und was sind die Besonderheiten speziell der hebräischen Typografie?

Unterschiedliche Leserichtungen, die daraus resultierende konträre Seitenfolge, verschiedene Textlängen und natürlich die sehr ungleichen Zeichenformen – der israelische Gestalter steht vor ganz besonderen Herausforderungen.

Eine grundsätzliche Entscheidung für das Layout ist, ob die Texte harmonisch einander angeglichen werden oder ob mit bewusstem Kontrast gearbeitet wird. So können zum Beispiel für die Lesefreundlichkeit in einem Buch die drei Sprachen möglichst einheitlich nebeneinander auftreten. Und das ist eine Aufgabe, denn wir reden von sehr unterschiedlichen Zeichenformen – die runde lateinische, die geschwungene arabische und die eckige hebräische Schrift. Hebräisch funktioniert für westliche Typografen ungewohnt, es hat keine Unterscheidung von Groß- und Kleinschreibung, keine Silbentrennung, und die meisten Buchstaben basieren auf der Quadrat-Form.

Das Angebot hebräischer Schriften ist im Vergleich zu lateinischen noch recht übersichtlich, aber es hat sich, wie auch im arabischen Raum, in den letzten Jahren einiges getan. Es gibt mittlerweile einige arabische und hebräische Entsprechungen lateinischer Schriften. Mit denen können die Sprachen, unter Einhaltung ihrer spezifischen Schriftformen, im harmonischen Schwarzwert nebeneinander stehen.

Es kann aber auch zur spannenden Aufgabe für den Typografen werden, mit den Gegensätzen der Schriftsysteme zu arbeiten, indem vorsätzlich extrem unterschiedliche Schriftstile verwendet werden. Anstelle von Angleichung und Harmonie kann ein bewusster Umgang mit Kontrasten visuelle Spannung schaffen.

So oder so beansprucht die Gestaltung Zeit, denn jede typografische Entscheidung muss auf drei Sprachen und Textebenen angewendet werden. Immer im Hinblick auf die Gesetzmäßigkeiten jedes einzelnen Schriftsystems.

ALEFBET_Katrin Brüggemann_5Das klingt wirklich nach einer großen Herausforderung und nach einer ganz anderen Art zu arbeiten. Wie empfinden denn die israelischen Designer, mit denen du gesprochen hast, ihre Situation?

Als westliche Typografen gestalten wir selbst bei der mehrsprachigen Gestaltung oftmals ausschließlich mit dem lateinischen Schriftsystem. Wie beispielsweise in der Schweiz in den drei Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch. Sprache und Schriftmarkt werden international von lateinischen Schriften dominiert. Wir können aus einer riesigen Auswahl an Fonts wählen, und sie sind für jeden jederzeit erhältlich.

Der westliche Gestalter hat die Möglichkeit, seine Arbeit international zu präsentieren und verständlich zu machen, wohingegen israelische Gestaltung sich unter Verwendung der hebräischen Schrift isoliert. Die Motivation, diese Mauern zu brechen, und der Wunsch nach Internationalität sind bei vielen israelischen Gestaltern groß. Die lateinische Schrift wird in Israel als modern und fortschrittlich empfunden, und ein großer Teil der Unternehmen hat ein englisches Logo.

Viele Gestalter berichteten mir aber auch, dass sie die hebräische Schrift und die Gestaltung mit dieser als wichtigen Teil ihrer Kultur betrachten. Sie kritisieren es, wenn in der Schriftgestaltung die hebräischen Formen lateinisiert werden. Es wäre schade, wenn die kulturellen Besonderheiten sowie historische und gestalterische Traditionen verschwimmen, denn sie machen doch die Gestaltung erst interessant und so wunderbar ungewöhnlich.

13_ALEFBET_Katrin_Brueggemann_4Kaum etwas eröffnet uns einen kulturellen Raum
so stark wie das Erlernen seiner Sprache. Wie war es für dich, erste Einblicke in das Hebräische zu gewinnen?

Ohne den Einblick in die hebräische Sprache wäre sicherlich ein großer Teil Israels Kultur an mir vorbeigezogen. Während meines Auslandssemesters habe ich einen Sprachkurs bei einer großartigen Lehrerin besucht. Ich konnte einzelne Wörter und Sätze schnell im Alltag verwenden. Das fremde Schriftsystem zu erlernen und damit die Sprache wirklich lesen und schreiben zu können ist allerdings eine größere Aufgabe. In der modernen hebräischen Schrift werden die meisten Vokale nicht geschrieben. Der Leser muss also selbst vokalisieren und somit manche Wörter kennen, um den Text richtig lesen und verstehen zu können.

Vielleicht kommt meine Faszination auch daher, weil diese Sprache so »anders« ist. Dadurch, dass ich die Sprache nicht lesen kann, betrachte ich die hebräischen Zeichen ganz frei, wie abstrakte Formen. So wie die meisten israelischen Gestalter die arabischen Zeichen.

Die Tatsache, dass man das Lateinische von links nach rechts schreibt und liest, das Hebräische hingegen von rechts nach links, hat bei der Gestaltung der zweisprachigen Karten mit jüdischen Witzen auf Deutsch und Hebräisch für ARTLIT erlaubt, dass sich beide Schriften quasi entgegenkommen, und das auf einem dunklen Font. Darin liegt ein schöner symbolischer Gehalt: Zwei Sprachen begegnen sich vor dem Hintergrund einer gemeinsamen dunklen Geschichte. Was waren für dich die Herausforderungen bei dieser Gestaltung?

Der dunkle Hintergrund sollte nicht Hauptthema in der deutsch-hebräischen Gestaltung sein. Auf den Karten werden die Witze in beiden Sprachen erläutert. Die zwei Textebenen unterscheiden sich zwar, stehen aber sehr harmonisch beieinander, mal zentriert und mal in der Leserichtung gegenläufig. Für die deutsche Übersetzung verwendete ich den Font »Romain« von Swiss Typefaces und für den hebräischen Text »Alef« von Hagilda und Mushon Zer Aviv.

11_ALEFBET_Katrin_Brueggemann_3Für deine Arbeit „Alefbet – Hebrew Graphic Design“ bist du mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden, so mit dem Award Future beim ddc-Wettbewerb Gute Gestaltung 2014, dem Designpreis Rheinland-Pfalz 2014, dem Lucky Strike Junior Designer Award 2013 und dem MfG-Award 2013. Zudem ist die Arbeit in vielen Publikationen besprochen worden. Was bedeutet dir diese große Resonanz?

Natürlich freut es mich sehr, dass das Buch so positiv aufgenommen wurde. Neben den Preisen hat mich vor allem das Interesse der Designmagazine und Blogs und noch mehr die vielen Anfragen von Gestaltern aus aller Welt gefreut, die mich kontaktiert haben und gern ein Exemplar gekauft hätten. Mit so viel Resonanz hatte ich nicht gerechnet.

Meine Motivation war aber nicht, Preise zu gewinnen, sondern vielmehr Interesse an der schwer zugänglichen Thematik, zu der mir keine Fachliteratur zu Verfügung stand. Hebräische Typografie ist ein Nischenthema. Und es freut mich natürlich enorm, wenn ich dazu beitragen konnte, dass sich auch andere für dieses Thema begeistern können.

Neben deiner Leidenschaft für Typografie und fremde Schriftsysteme sind die Schwerpunkte deiner Arbeit Editorial und Corporate Design. Zudem schreibst du für Designmagazine wie „Page“, „Form“ und die frisch erschienene Publikation „Wandel visueller Kommunikation“ der Hochschule Fresenius. Wie geht es bei dir in der nächsten Zeit weiter?

Ich würde gern weiterhin an verschiedenen kulturellen Projekten arbeiten und Bücher und Magazine gestalten. Mehrsprachige Gestaltung und verschiedene Schriftsysteme reizen mich nach wie vor am meisten. Außerdem sehe ich spannende Möglichkeiten, meine Werkzeuge als Designerin für soziale und gemeinnützige Initiativen zu gebrauchen.

Liebe Katrin, wir danken dir sehr herzlich für dieses nette Gespräch und sind schon sehr gespannt auf deine neuen Projekte. Alles Gute dafür!

 

Katrin Brüggemann ist Grafikdesignerin mit einer besonderen Vorliebe für Typografie. Für ihre Bachelor-Thesis über israelisches Grafikdesign ist sie mehrfach ausgezeichnet worden. Sie lebt und arbeitet in Frankfurt am Main: http://katrinbrueggemann.com

© der Fotos: Katrin Brüggemann