Anna Hübner Vergolderin

thumb_vergolderei_anna_huebner_2_1024Liebe Anna, weißt du, was das Schönste an unserem Gespräch ist? Wir können gleich zu Beginn mit Sicherheit feststellen, dass auch ein kluger Mann wie Jean de la Fontaine sich mal geirrt hat. Der hat nämlich gesagt: „Weder Gold noch Ruhm machen uns glücklich.“ Ha! Das kann natürlich nur behaupten, wer deine Vergolderei noch nie betreten hat. Wie bist du auf die Idee gekommen, die Welt zu vergolden, wie wurde dieser Berufswunsch geweckt?

Eigentlich kam der Beruf mehr zu mir als ich zu ihm. Dass es etwas Handwerklich-Kreatives und Künstlerisches werden würde, das stand schon relativ früh fest. Zunächst wollte ich Restauratorin werden, und da man nur über ein Handwerk Restaurator werden kann (abgesehen von der akademischen Laufbahn), bin ich eigentlich ganz zufällig auf den Vergolder-Beruf gestoßen. Der vereint viele schöne Techniken der Kunst und des Handwerks. Tja, und dann war es ein klassischer Weg: Auf ein erstes Praktikum folgte eine Ausbildung. Damit hat sich bestätigt, was ich immer wieder erlebe: Dinge, die sein sollen, kommen auch zu einem. Und wenn ich zurückgucke, muss ich ein wenig schmunzeln, da ich schon als Kind alle möglichen Gegenstände mit Perlmuttlack und Glitterpulver bearbeitet habe: Das Bearbeiten und Veredeln von Oberflächen hat mich also schon immer gereizt.

 

thumb_vergolderei_anna_huebner_4_1024Was für eine Ausbildung durchläuft man als Vergolderin genau?

Man geht klassisch bei einem Vergolder-Meister drei Jahre in die Lehre, es ist ja in erster Linie ein Handwerk, und das erlernt man von der Pike auf. Dadurch, dass der Meister, bei dem ich gelernt habe, leider schwer krank war, hatte ich die Möglichkeit, schon früh sehr eigenständig zu arbeiten. Das heißt, ich durfte Tätigkeiten ausführen, die man in der Regel erst sehr viel später macht. Das war natürlich ungemein lehrreich. Ich hatte immer das große Glück, mich künstlerisch ausprobieren zu dürfen.

Nach der Ausbildung bin ich gleich in die Selbstständigkeit gestartet und habe mich später auf der Meister-Schule in München ein Jahr lang auf meine Vergolder-Meisterprüfung vorbereitet. Dort waren ganz unterschiedliche Professionen vertreten: Vergolder, Kirchenmaler, Maler. Gemeinsam haben wir uns intensiv mit Kunstgeschichte, Stilkunde und Architektur, aber auch mit den weniger geliebten Fächern wie Rechnungswesen beschäftigt – wobei jeder gemäß seiner Profession natürlich Schwerpunkte hatte.

 

thumb_vergolderei_anna_huebner_7_1024Was sind deine klassischen Aufgabenfelder? Und gibt es Bereiche, für die du überhaupt nicht zuständig bist?

In Hamburg gibt es circa 15 Meisterbetriebe mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten. Und das Schöne an diesem Beruf ist auch die ungemeine Vielseitigkeit. Ob ich individuelle Rahmen anfertige, Gegenstände veredele oder Bilder aufarbeite, es ist immer unheimlich abwechslungsreich. Meine Leidenschaften sind dabei ganz klar alte Rahmen und deren Restaurierung – jeder Rahmen ist ein Unikum – sowie die Vergoldung individueller Objekte. Das können Lieblingsstücke, Fundstücke oder einfach Formschönes sein. Aber auch Gartenzäune, Kirchturmspitzen, Stuck, Grabinschriften und ganze Wände gehören in das Repertoire eines Vergolders.

 

thumb_vergolderei_anna_huebner_6_1024Neulich kam eine Kundin, die wünschte sich eine aufgeklappte, von innen vergoldete Auster, wie sie sie in meiner Auslage gesehen hatte. Die Austernhälften sahen aus wie goldene Engelsflügel, sie wollte eine Hälfte ihrem besten Freund als Symbol für die Freundschaft schenken. Eigentlich sind
die Begegnungen genauso schön wie die Aufträge. Und viele kommen wieder, das freut mich dann ganz besonders, weil es zeigt, dass die Menschen die Besonderheit und den Wert der Arbeit erkennen und schätzen.

Nicht zuständig bin ich für Schmuck, der gehört zum Goldschmied.

 

thumb_vergolderei_anna_huebner_1_1024 Steht man vor deinem Schaufenster, dann fallen einem sofort die wunderschönen und ungeheuer stimmigen Bild-Rahmen-Kompositionen auf. Mit großem Gespür für den Charakter eines Bildes entwirfst du ganz individuelle Lösungen. Wie gehst du dabei vor?

In der Regel betritt ein Kunde beim ersten Mal den Laden nur mit einer ungefähren Vorstellung, nicht selten möchte er „irgendwie eine schwarze Leiste“. Ich bitte ihn dann, die Grafik oder das Bild mitzubringen, und zeige ihm drei bis fünf unterschiedliche Rahmen. Dann muss er mitmachen, und wir kombinieren unterschiedliche Leistenprofile, Farben und Texturen miteinander, suchen das Passepartout und das jeweilige Glas aus. Meistens versteht er den Unterschied zwischen einem individuellen Vergolder-Rahmen oder einem historischen Rahmen mit schöner Patina und der sonst so üblichen Massenware dann sehr schnell – auch wenn dieser eventuell viel teurer ist. Aber ich rede ja auch gern und lehre den Kunden „das Sehen“.

 

thumb_vergolderei_anna_huebner_8_1024Wie viele Goldtöne gibt es eigentlich? Und unterscheiden die sich in der Verarbeitung?

Oh, da gibt es so viele – circa 26 unterschiedliche Edel-Blattmetall-Legierungen sind auf dem Markt, dazu gehört neben Gold- und Silberlegierungen auch so Spezielles wie Platin und Palladium. Die Färbung beim Gold hängt von den jeweiligen Legierungen aus Silber, Gold und Kupfer ab. Je höher der Kupferanteil beispielsweise, der dem Gold zugefügt ist, umso stärker ist der rote Farbton. Und Weißgold zum Beispiel ist in der Verarbeitung sehr viel geschmeidiger als Silber und verfügt auch über einen feineren Ton. Die unterschiedlichen Hersteller haben oftmals ganz eigene Bezeichnungen für ihre Produkte. Ich beziehe meine Ware gern von der Goldschlägerei Eytzinger in Schwabach/Bayern.

 

Mit Schrift hast du es in der Regel nicht so oft zu tun. Dennoch hast du mir sehr schnell einen Vorschlag unterbreitet, als ich mit dem Wunsch zu dir kam, die Zeilen von Pedro Calderón de la Barca zu gestalten. Und zwar hast du dich für eine Radiertechnik entschieden. Wie bist du da konkret vorgegangen?

Dafür habe ich eine Holzfaserplatte in mehreren Schichten mit einer Kreidegrundierung überzogen und diese feingeschliffen. Darauf kamen drei Schichten des sogenannten Poliments, das ist eine leimgebundene Tonerde. Anschließend habe ich die Platte mit Blattsilber belegt, das Silber mit einem Achatstein auf Hochglanz poliert und mit einer dunkelblauen Radierfarbe überzogen. Die Schrift wurde dann mit einem Kohlepapier auf die Farbfläche übertragen und die Buchstaben mit einem feinen Holzstift herausradiert. Zum Abschluss habe ich die Platte mit einer Firnis überzogen, damit die Schrift vor Oxidation geschützt ist.

 

Die Kreidegrundierung hat dich bei dieser Arbeit vor große Herausforderungen gestellt. Was war daran schwierig?

Entscheidend ist, dass der Grund keine Blasen wirft und damit unschöne Löcher entstehen. Ob das geschieht, ist sehr schwer abzuschätzen, da es von zahlreichen Faktoren abhängt: von der Temperatur, dem Untergrund, der Kreidemischung und der Qualität des Leims. Das können nicht mal Meisterlehrer mit Sicherheit voraussagen.

 

Für die Konservierung hast du dich mit verschiedenen Kollegen ausgetauscht, und ihr habt unterschiedliche Techniken erörtert. Um welche Fragen ging es dabei?

Da ging es vor allem darum, dass die Schrift weiterhin glänzt, während die tiefblaue Farbumgebung ihre matte Anmutung behalten soll. Das wäre mit Gold sehr viel einfacher gewesen, da dieses nicht oxidiert und somit nicht zwingend einen schützenden Überzug benötigt.

 

Mit was hast du dich in letzter Zeit beschäftigt?

Für einen guten Freund, den Galeristen Jens Goethel, habe ich weißgoldene Leisten für zwei Arbeiten von Ulrich Jenneßen und Elena Kozlova gebaut, die wir für die Benefizauktion „LebensKünstler“ der Stiftung NCL gespendet haben. Die Arbeiten habe ich hinter hochgelegtem, reflexfreiem Glas schwebend kaschiert.

 

thumb_vergolderei_anna_huebner_9_1024Und dann hatte ich noch einen monumentalen Gründerzeit-Spiegel zur Aufarbeitung hier. Der Rahmen war über die Jahre mit goldfarbenen Überzügen sozusagen totgepinselt worden, diverse Teile der Stuckverzierungen fehlten. Den Rahmen habe ich komplett abgebeizt, um die ursprünglichen Konturen und Teile der originalen Vergoldung freizulegen, und habe lose Teile befestigt und ergänzt. Dann galt es abzuwägen, welche original Oberflächen erhalten werden konnten. Erhalten oder Erneuern, das ist in solchen Fällen immer die Frage. Nach der Wiederherstellung und teilweisen Neuvergoldung erhielt er eine schöne Patina. Der Charme des Alten muss bei so einem Stück ja auf jeden Fall gewahrt bleiben.

 

Eine großartige Idee von dir war ja dein vergoldetes Fahrrad. Das war so großartig, dass es nach kurzer Zeit unter mysteriösen Umständen abhandenkam …

Ja. Grrrr.

 

thumb_vergolderei_anna_huebner_3_1024Liebe Anna, so umwerfend schön deine Arbeiten auch sind, im Moment gibt es einen eindeutigen Star in der Vergolderei, nämlich den kleinen Lehrling, der mittlerweile im zweiten Lehrjahr ist. Was hat Gobi denn schon alles gelernt?

Der darf mittlerweile sogar schon beim Vergolden helfen, nachdem er sich im ersten Jahr nur am Fegen und Schleifpapier-Tragen beteiligt hat. Habe ja den Verdacht, dass er für Kost und Logis alles tut. Die Gobi-Kasse für Leckerlis wird von den Kunden auf jeden Fall eifrig gefüllt.

Na, das klingt doch äußerst vielversprechend. Liebe Anna, ich danke dir ganz herzlich für das nette Gespräch!

 

Anna Hübner ist Vergolder-Meisterin und betreibt in Hamburg Die Vergolderei. Sie fertigt individuelle Rahmen an, veredelt Lieblingsstücke und arbeitet Bilder auf: www.dievergolderei.de

© der Fotos: Anna Hübner